Highspeedwoche 2

(für den chronologisch korrekten Lesegenuss, bitte zum vorherigen Post runterscrollen, bevor ihr weiterlest…)

Oh Gott! Mein Fahrrad ist kaputt! Aah! Tragödie! So kann ich nicht meinen geliebten Alternativlebensstil pflegen! Die Straßen von San Francisco sind zu lang für Fußgänger, zu kaputt für Inlineskates, und zu verstopft für öffentlichen Nahverkehr!

… ich komme also nicht drum herum, mit dem Radl in die Werkstatt zu gehen.

Werkstatt 1: Pedal Revolution:

Klingt doch gut: Eine Non-Profit-Firma betreibt Pedal Revolution, um Jugendlichen eine Ausbildung und Arbeit zu geben. Und: Es ist der nächstgelegene Laden. Ich schiebe mein Rad also in die umgebaute Garage, und siehe da – schon kommt ein Mechaniker, wirft einen kritischen Blick auf das Rad und sagt, dass an dem Rad deutlich mehr kaputt ist als das Hinterrad (er hat recht: Die Pedale eiern, die Gangschaltung ist verbogen – so sehr, dass sie mehrmals IM Hinterrad hing, was deutlich mehr Bremswirkung gezeigt hat als die eigentlichen Bremsen. Kein Wunder, dass die Speiche gebrochen ist – aber dafür ging das Rad erstaunlich gut, und ich habe mich daran gewöhnt, mit dem Rad keine allzu hohen Geschwindigkeiten anzustreben…

Wie dem auch sei, er bietet mir einen Hinterradeinbau für 80 Dollar an, inklusive Hinterrad. Whatever, für einen guten Zweck und so. Einziger Haken: Er hat kein passendes Hinterrad, was er nach mehreren Minuten der Suche herausfindet. Dafür gibt er mir fairerweise den Namen und die Adresse eines nahegelegenen mexikanischen Fahrradgeschäfts. Sechs Block weiter im Norden finde ich den Laden,

Werkstatt 2: „Kleiner-mexikanischer-Fahrradladen-dessen-Name-ich-weder-aussprechen-konnte-noch-gemerkt-habe“ und siehe da, ein altes US-Amerikanisches Sprichwort bewahrheitet sich: Was immer die Amerikaner tun können – Mexikaner machen es schneller und billiger. Und nach einer halben Stunde und 50 Dollar dreht sich ein nagelneues Hinterrad in meinem Rahmen. Gut, nach etwa drei Blocks läuft das Hinterrad schräg und fährt sich am Rahmen fest, aber das hat das alte Hinterrad auch gemacht, bis ich die Schrauben richtig, richtig fest angezogen habe. Zu dumm, dass ich mein Werkzeug nicht dabei habe… (ja, jenes Werkzeug, dass ich mir irgendwann mal genau deswegen kaufen wollte. Too bad.)

Aber zuerst gab es: ARBEIT! 187 Briefe an besonders fleißige Spenderinnen und Spender wollen verschickt werden, und dafür gibt es – 178 Briefe und 175 Umschläge? Nach einer lustigen Finde-den-richtigen-Brief-für-den-richtigen-Umschlag-Runde, in der ich die persönlich adressierten Briefe mit den ebenso persönlich adressierten Umschlägen zusammenbrachte, stellte sich raus, dass da irgendwo irgendwas nicht gestimmt hat. Nun ja – nicht mein Problem, darum muss sich die chefin kümmern.

Danach ging es rollenderweise den Berg hinunter nach SoMa in die Bike Kitchen (welche direkt hinter Cindy Sheehans Büro liegt – die Stadt ist ein Dorf) – verzeihung: in die

Werkstatt 3: Bike Kitchen

wo ich für 5 Dollar eine Tagesmitgliedschaft erworben habe und dafür an ihre Werkzeuge und ihre Mechaniker ran durfte. Eine Mechanikerin hat mir auch gleich erklärt, wie man eine Gangschaltung auswechselt, eine Kette auf- und wieder zu kriegt, und und und… Fazit: Nach drei ölverschmierten Stunden hatte ich eine neue Gangschaltung (am Hinterrad; vorne bleibt das Gangwechseln weiterhin unmöglich), und ich habe so einiges gelernt. (Und: Ja, ich habe mich männlich gefühlt. Öl und Werkstatt und Werkzeug und so. Harr!)

Auf dem Heimweg ist mir dann die Kette gesprungen, weil ich den Bolzen mit voller Gewalt durch die Kettenwand getrieben habe. Jetzt ist die Kette zwei Glieder kürzer, aber läuft dafür.

Mittwoch wartete ich auf einen Anruf von Sunny, meiner Chefin-der-Woche, der einfach nicht kam. Auf meine SMS kam keine Antwort, auf die mailbox quatschen is auch nich so meins… also habe ich mir meine literatur geschnappt und weiter an der hausarbeit gebastelt (zumindest an der theoretischen basis – Anarchie ist vollkommen missverstanden), bis ich um vier von Sheila angeklingelt wurde, die zweite Ladung Briefe sei endlich da. Das Chaos mit fehlenden Briefen, waghalsigen Kopieraktionen, fehlerhaften Datenbanken und falschem Papier erspare ich euch, denn es hat sich bis Donnerstag abend hingezogen und war – vor allem für Sheila – sehr ärgerlich. Aber ich bin zu weit: Mittwoch abend gab es noch einen Fundraiser im Baobab, einem westafrikanischen Restaurant. Die Teilnehmerzahl war nicht berauschend hoch, aber das hat ja auch niemand erwartet, und es gab leckeres afrikanisches Essen (keine Ahnung, was genau, aber lecker auf jeden Fall) bis zum Umfallen, ich habe eine kleine Volunteer-Ecke mit meinen Briefumschlägen errichtet, wo wir auch mehrere hundert Umschläge in Arbeitsteilung bestückt haben. Als ich heimwollte, erreichte unsere Gruppe eine SMS, dass auf der Harrison Street (die ich so oder so überqueren muss, um heimzukommen) gerade einige Schießereien stattgefunden haben – eine SMS, die spontan jeden in der Gruppe dazu brachten, die eigenen Gruselgeschichten über Gewalt in der Mission zu erzählen („This guy got shot just outside the bar down at 18th, he just went out for a smoke!“, „That girl got stabbed the other day, for nothing, really“…)

Ja, ich bin gut nach Hause gekommen. Aber schön zu wissen, dass diese Stadt ein Gewaltproblem hat (derzeit 66 Morde in 2008)…

Heute ging es dann weiter wie bisher: Briefe eintüten, nebenbei drei verschiedene Filme anschauen (Flirting with Disaster ist überraschend gut gewesen, während Finding Whittaker einfach nur gerockt hat. Der dritte Film war eigentlich eine Serie namens Mad Men, die auch ziemlich gut war und vor allem durch die Ästhetik der 50er Jahre überzeugt hat), Hinterradschraube nachziehen, und dann zwei Gäste aus Deutschland bewirten, die sehr netten Leute vom Ezramo&Büchler-Duo, die hier eine Woche auf dem Sofa verbringen. Hurra!

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