GoGoGo!

Es ist Sonntag nachmittag, in eineinhalb Stunden beginnt unser großes WG-Saubermachen, damit die Spuren des Einzugs unseres neuen Kühlschranks (mit Glastüren (!!!)) wieder weggewischt werden können (und nebenbei jede Menge Müll die Wohnung verlässt). Ich habe Muskelkater und bin generell etwas erledigt. Wie kommt’s?

Freitag habe ich mich mal wieder der recherche gewidmet, bevor es dann abends zu Critical Mass ging, der verrücktesten Fahrraddemo, die ich kenne. Um sechs Uhr lungerten knapp zweitausend Leute vor dem Ferry Building rum, einige Polizisten (nur Männer…) hingen bei ihren Motorrädern rum, bis irgendwann jemand sagte „Come on, let’s go!“, und dann setzte sich die Gruppe in Bewegung. Es gab keine feste Route, was dazu führt, dass die Führungsgruppe einfach vorfährt und der große Wurm sich hinterherbewegt. Der Autoverkehr wird im Vorbeigehen lahm gelegt. Die meisten Fahrerinnen und Fahrer haben ihr Auto einfach für die Viertelstunde lahmgelegt, die so eine Straße im Durchschnitt von Fahrrädern lahmgelegt wird. Die Route ging vom Ferry Building an der Bucht entlang zum Campus der UCSF, von dort die Beale Street nach Norden, über die Market Street bis zum Broadway in North Beach, die erste richtige Bergetappe, den Broadway entlang in Richtung Westen, den Berg weiter hinauf bis zum Broadway Tunnel, mit Pauken und Trompeten durch ebenjenen Tunnel hindurch, über die Ausläufer von Russian Hill Richtung Süden, am Rathaus vorbei und dann die Market Street nach Südwesten, bis zur Castro Street, Richtung Süden bis zur 18. Straße, nach Westen bis zur Valencia Street, nach Süden bis zur 24. Straße, nach Westen bis zur Mission Street, die Mission Street entlang bis zur 4. Straße, zwischen zwei Hochhäusern hindurch, um die Polizei ein bisschen zu ärgern, die mit ihren Motorrädern außenrum fahren musste, dann wieder die Market Street nach Südwesten, bis zur Valencia Street (schon wieder), die dann hinunter bis zur 24. Straße, und dann bin ich ausgestiegen, weil ich noch zum Konzert wollte – welches natürlich wieder einige Meilen entfernt statt fand.

Aber bis dahin hatte ich jede Menge Spaß. Einige Fahrräder haben riesige Musikanlagen hinter sich hergezogen, welche die Demonstration zu einer Mischung aus Tanz und Fahrradfahren haben werden lassen; Autos für ein paar Minuten festsetzen war ein wesentlicher Teil der Kundgebung – schließlich geht es darum, die sonst übliche Benachteiligung des Fahrradverkehrs für ein paar Stunden umzudrehen. Das finde ich prinzipiell schon in Ordnung – ein bisschen ziviler Ungehorsam ist schon OK. Dass einige Fahrradfahrer allerdings in einen Konflikt mit einem Stadtbus gerieten, fand ich richtig bescheuert. Public Transport is not the enemy – und mit Fahrrädern, Schlössern und wasauchimmer auf einen Bus einzuschlagen, grenzt nicht mehr an Blödheit, sondern steht schon auf der anderen Seite der Blödheitsgrenze. Die Szene habe ich schnell hinter mir gelassen, da ich ein Schild meines Stadtratskandidaten auf dem Rücken hatte und den Namen nicht mit so einer Idiotie in Verbindung bringen wollte… Bilder vom ersten Teil der Strecke gibt’s hier, und es gibt sogar schon ein Video

Dank meiner herausragenden Gedächtnisleistung („Sutter Street, Nummer… 1600? Glaube ich…) bin ich dann, an der richtigen Straße angekommen, erst mal10 Blocks und einen Berg in die falsche Richtung gefahren, habe aber immerhin den Punkt „Japantown besuchen“ auf meiner Checkliste abhaken können. Dumm nur, dass Japantown einen Hügel zu weit im Westen lag. Leicht verschwitzt kam ich dann am Regency Ballroom an. Der Türsteher fand meinen Green-Party-Pullover gut – leider das Beste am ganzen Konzert. Das Publikum war eine Mischung aus hyperaktiven Jugendlichen, die Kampfsport mit Tanzen verwechselten, sowie Menschen, die sich im viel zu großen Saal verteilten. Die Akustik war grausam (Wenn Schall auf eine glatte Wand trifft, gibt es ein Echo. Die Rückseite des Saals war eine große, glatte Wand, und die Boxen haben gerade draufgehalten…), und so war der Konzertspaß getrübt. Goldfinger und Less Than Jake haben zwar trotzdem ihr Bestes gegeben, aber den Frust hat man ihnen angemerkt, und der Funke ist auch nicht so ganz übergesprungen. Und so traurig es ist: Das Publikum bei einem normalen Konzert im Stattbahnhof Schweinfurt rockt definitiv besser als das Publikum in San Francisco. Wer hätte das gedacht…

Samstag war ich dann etwas wund von den vielen, vielen Stunden auf dem Sattel, entsprechend ruhig begann ich den Tag mit ein bisschen Lektüre für eine Hausarbeit, die mich noch in Deutschland erwartet und einem guten Frühstück im Atlas, bevor ich dann zur Demonstration gegen die Human Rights Coalition gefahren bin (welche während dem Lobbying zum neuen Antidiskriminierungsgesetz ENDA zwar Rechte für LesbianGayBisexuals erkämpft hat, aber die am meisten benachteiligte Gruppe, die Transgender-Community, fallen gelassen hat – weswegen wir auf die Straße gegangen sind). War ein Riesenspaß, gemeinsam mit der Transgendercommunity auf der Straße zu feiern. Folgendes Video sagt alles:

Anschließend war ich auf dem Weg, um Jojo zum Abendessen zu treffen – bei Freunden von Freunden, für mich also vollkommen wildfremde Menschen. Die Adresse war mir nicht bekannt, lediglich die Straße kannte ich. Also bin ich die Market Street hinuntergefahren, bis ich zur richtigen Querstraße kam, und habe dann die Hausnummer gesucht. Welche, wie ich bald herausfinden sollte, hinter einem – richtig geraten – verflucht großen Hügel lag. Gut durchgeschwitzt kam ich dann an und bin in eine mir völlig fremde Wohnung gelaufen, wo völlig fremde Leute waren, und musste mich dann erst mal kurz erklären, über welche Ecken ich überhaupt eingeladen worden bin. Aber dann war alles cool, der Sixpack in der Tasche hat dann auch meine guten Absichten bestätigt, und es wurde ein sehr leckerer Abend mit exzellentem Essen und sehr, sehr netten Leuten, der viel zu spät aufgehört hat. Der Nebel, durch den ich dann nach Hause gerollt bin, war übrigens mein persönlicher Kälterekord. Brrr.

Aber dafür gibt es großartige Neuigkeiten aus Deutschland: Ich starte für Augsburg beim German International Poetry Slam 2008, welche vom 19.-22. November in Zürich stattfinden! Holy shit! Meine erste Solo-Teilnahme bei einem internationalen Poetry-Event! Danke, danke, danke, Augsburg!

3 Antworten zu “GoGoGo!

  1. vollemoehre

    GLÜCKWUNSCH!
    Na da sind wir heuer aber mehr als drölf Franken beim National! Das wird geil! Wenn du noch mal üben willst: Am 18.11. ist Slam in Nürnberg und du bist herzlich willkommen!

    Gruß,
    Michl.

  2. Hallo Nils, mal schaun ob wir uns das Wochenende in Zürich gönnen.Lust hätte ich schon. Vielleicht kann man das ja schon mit schifahren kombinieren. Wieso startest du für Augsburg?
    Liebe Grüße
    ruth

  3. @michl: Aber Hallo – mit uns kann man zwar nicht zahlen, aber mit uns muss man rechnen🙂

    @ruth: ich starte für augsburg, weil mich der augsburger slammaster, horst thieme, für augsburg nominiert hat. und ich starte sehr gerne für augsburg, weil augsburg meine zweite slamheimat geworden ist und eine ganz feine slamkultur pflegt…

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