Amtrak/Marlene

ein bisschen stream of consciousness über die denkwürdige zugfahrt. tolle landschaft, aber in erinnerung bleiben wird mir Marlene.

Montag

Als ich in Chicago in den Zug Richtung Westen einsteige,

wußte ich nicht, dass du mit demselben Zug fährst, Marlene.

Vielleicht ist dir das selber gar nicht so bewußt gewesen.

Du bist das schöne Mädchen mit den beiden geflochtenen Zöpfen, mit diesem

Hauch Lolita im Blick, mit dem grauen Tank Top und dem schwarzen BH, der deine

Brüste viel größer wirken lässt als sie eigentlich sind. Ich seh dich

im Loungecar, weiß nicht wie du heißt und habe eigentlich auch

kein großartiges Interesse an dir. Es ist dunkel, draußen zieht Iowa vorbei,

und du sitzt an einem Tisch und weinst. Neben dir sitzt dieser Typ aus Chicago, alt und schleimig, und legt seinen Arm um dich, und ich sehe ihn reden und ohne ihn zu hören, weiß ich genau, was er sagt, „Now, Baby, it’s gonna be ok, now, don’tcha worry, okay, now, don’tcha worry, don’t be sad, baby, c’mere, okay, now you don’t have to cry, okay, baby?“ und er drückt dich und du drückst ihn und das finde ich ziemlich eklig, so ein junges mädchen und so ein schleimi aber es ist Montag und ich habe keine Ahnung was da los ist und ich weiß noch nicht mal, dass du marlene heißt, und wie wichtig das ist.

Dienstag

Dienstag sind wir in Denver und ich habe das Frühstück verschlafen und erkläre einem Jugendlichen aus Indiana, der nie weiter von daheim entfernt war als damals, als seine Familie nach Iowa gefahren ist, dass Deutschland nicht von Kommunisten regiert wird und dass in Deutschland i e heißt und ai i und er erzählt mir, dass er gerade seinen highschoolabschluß gemacht hat während du, marlene, einen halben wagen entfernt sitzt und diesem mormonenjungen deine welt erklärst und er ist 14 und du bist 23 und wunderschön und er hängt an deinen lippen weil du 23 bist und er 14 und weil du dir gar nicht vorstellen kannst, was er heute nacht träumen wird.

Und später wird sein Vater sagen, dass er das gut findet, dass er mit älteren mädchen redet und der Junge wird sagen „i don’t know, dad… she’s kinda… crazy, you know?“ Und sie reden über dich, sie alle.

Mittwoch

Mittwoch habe ich das Frühstück NICHT verschlafen und treffe den Jungen aus Indiana und den Mann aus Sacramento und weil draußen gerade Utah ist und das nicht so spannend ist unterhalten wir uns und der Junge aus Indiana hat nicht geschlafen, weil er Angst vor dir hat, denn er sitzt vor dir und der Mann aus Sacramento lacht und sagt dass man diese verrückten frauen als unterhaltung sehen soll und alle unterhalten sich über dich und sie sagen, dass du auf speed bist und sie sagen, du bist manisch-depressiv und sie sagen, dass du acid genommen hast, und diese alt68erin sagt, dass sei quatsch, sie hat oft genug acid genommen, da sei man anders anders als du anders bist

denn du BIST anders, marlene, und als ich mich in der kleinen kabine mit dem kaputten türschloß frisch mache und umziehe, geht die tür auf und du kommst rein und wir haben noch kein wort geredet und du setzt dich auf die bank und ich wasche mich fertig und ziehe mein t-shirt wieder an und frage dich wie es dir geht und du sagst gut und ich frage wohin du fährst und du sagst nach san francisco, und was machst du da, marlene – „ich will die leute befreien“, und ich verstehe nicht so ganz, was du meinst, marlene, und du sagst, dass das gleichgewicht nicht mehr stimmt, wenn wir das ganze öl aus der erde holen und verbrennen, das gleichgewicht ist wichtig, und wir haben zuviel gewicht in der luft, und wir holen das öl aus der heiligen erde der indianer, this is holy land, und ich lächle und nicke und verstehe nicht so ganz, was du meinst, und du merkst, dass englisch nicht meine muttersprache ist und beginnst mit zeichensprache, aber das ist noch viel weniger meine muttersprache, also sage ich, dass ich wieder hoch gehe, und das tu ich auch, und dann rede auch ich mit den anderen über dich, marlene, wir machen uns sorgen, und als du ein paar stunden lang nicht auftauchst, gehe ich mit der alt68erin in die kleine kabine mit dem kaputten türschloß und schaue in das kleine klo neben der kleinen kabine und jemand hat die plastikverschalung abgerissen und in den spiegel gerammt, und die kloschüssel und die rohre sind nackt und da liegt dein BH, marlene, dein schwarzer bh, und du bist nicht da, und als wir den schaffner suchen wollen, öffnet der die tür zum gepäckwagen und da sitzt du an der wand und lächelst und wir denken uns „scheiße“, und dein shirt ist zerrissen und deine arme blutig und so dünn und ich frage mich, wie zum geier du dieses klo demoliert hast mit diesen dünnen armen, und der schaffner ist froh, dass wir kommen, das sagt er nicht, aber das sehe ich, und wir reden, marlene, wir reden…

und wir gehen wieder zu den anderen, in den wagen, und sie schauen, aber lass sie schauen, marlene, ich habe deinen bh in der hosentasche und deine schuhe in der hand, und wir füttern dich mit grapefruit und behaupten, sie sei bio, denn sonst würdest du sie nicht essen, sie vergiften das schlechte essen, sie vergiften die menschen, sagst du, und dann weinst du, weil du das traurig findest. Was du im Klo gemacht hast, fragen wir, und du sagst, dass sie im klo mit dir gesprochen haben, die indianer, und dass du klopfen musstest, um herauszufinden, wohin du fährst, und wenn der schaffner eine durchsage macht, hörst du deine eltern im speisewagen, obwohl deine eltern sich schon lange nicht mehr um dich kümmern und bestimmt nicht im speisewagen sitzen. Ob du freunde hast, die wir anrufen können, und die hast du, und chad holt dich nachher am bahnhof ab, ich fahre mit dir bis emeryville, marlene, ich bin da, ich bringe dich heim. Du warst in Detroit, sagst du, und du hast gesehen, wie sie die stadt zerstören, wie sie die schwarzen wieder versklaven, und wie sie die lager bauen, um sie zu holen, und du gibst mir einen zettel, auf dem steht full moon midnight iowa camp und die mormonen wissen bescheid aber sie sagen es niemandem und sie bauen wieder lager und du hast angst und weinst und willst wieder ins klo, aber wir sagen dir, dass das klo abgeschlossen ist, und du setzt dich wieder und sagst, dass du nicht weißt, wo du hinfährst. Du zwinkerst mir zu und ziehst einen Hundert-Dollar-Schein aus der Tasche, mit Benjamin Franklin, und du hast ihm mit einem Kugelschreiber die Augen ausgestochen, weiß der Geier, warum, und sie leiten Gas in den Zug, um uns zu vergiften, und ich sage, das ist nur die Klimaanlage, und du wohnst in San Francisco, Hyde Ecke Sutter, das ist mitten im schlimmsten Bezirk der Stadt, und du wirst deine Arbeit kündigen, denn du machst Sandwiches, und deine Sandwiches vergiften die Leute, und dann weinst du, und dann lachst du, weil ich zum dritten mal nachfragen muss, was du meinst, denn du nuschelst manchmal noch schlimmer als ich, marlene.

In sacramento steigt die alt-68erin aus, sie muss hunde abholen, und noch 4 stunden bis emeryville, und irgendwie muss ich dich jetzt bei laune halten, und du weißt, dass sie dich für verrückt halten, und ich sage, dass wir dich nicht für verrückt halten, und du weißt, dass ich lüge, und der junge aus indiana kommt und immer, wenn du wegschaust, schaut er mich an und bewegt seine lippen und seine lippen formen sätze wie „she’s fucked up“ und „she’s crazy“ als wäre das ein schlechter film, und als er dich fragt, ob du eine therapie machen willst, erzählst du von deinem letzten besuch in der psychiatrie, sie haben dir medikamente gegeben, und du konntest nicht mehr denken, also bist du abgehauen, und als der sagt, du solltest wirklich in eine therapie gehen, machst du dicht, und ich sage dem jungen aus indiana, er solle jetzt vielleicht lieber gehen, und dieses schlechte filmzitat versteht er und geht, und ich rede über die bäume, und du sagst, der kreislauf geht zu schnell, du hast gelesen, sartre, und die blechtrommel, und man muss die menschen erziehen, sperrt sie alle in eine bücherei und gebt ihnen saubere duschen und dann wird alles gut und der kreislauf geht zu schnell alles wiederholt sich zu schnell und sie bauen wieder lager wie damals in deutschland und sie verraten es niemandem und ich sage niemand baut lager und ich denke an guantanamo und die flüge der cia und die folter und ich sage trotzdem das wird sich nicht wiederholen und ich weiß nicht ob ich lüge und du sagst maybe und ich denke mir dass mir das langsam etwas viel wird und du erzählst mir von deinem vater und seinem motorrad und dass das motorrad immer wichtiger war als die familie und du willst meine handgelenke sehen, ob ich narben habe, nein, keine narben an den handgelenken, und als wir endlich in emeryville ankommen, bist du schwach und kannst kaum stehen und auf der treppe nach unten tippst du mir auf die schulter und simulierst mit deiner hand fellatio und schaust mich auffordernd an und das will ich jetzt nicht verstehen und auf dem bahnsteig läufst du ganz langsam, und chad holt dich ab, und ich sage tschüß, denn ich muss zum bus, und als ich an drei polizisten vorbei laufe, die dich verhaften, in ihr auto stecken und mitnehmen, weil du ein zugklo demoliert hast, muss ich weinen, denn dafür habe ich dich nicht nach emeryville gebracht.

3 Antworten zu “Amtrak/Marlene

  1. sehr ergreifend, lieber nils. mich hast du auch grad zum weinen gebracht. wunderschön.

  2. Hab zwar nicht geheult, aber ne Gänsehaut bekommen. Sehr schöner Text.

    Grüßle,
    Michl.

  3. Horst Thieme

    Klasse, Mann!
    Ein Spitzentext – und eine ergreifende Geschichte…
    Horst

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