„Putting the Zen back in Citizen!“

Der Großteil der Convention ist vorbei, und ich habe meinen Frieden mit Chicago gefunden.

Beginnen wir mit den Grünen: Nach dem letzten Eintrag bin ich zurück ins Hilton, wo im pompösen Empire Ballroom das International Committee der Grünen den ersten Empfang des Abends abhielt(es sollte noch ein weiterer Empfang folgen). Im Vorfeld wurde ich von einem Mitglied des International Committee gebeten, eine kurze Rede zu halten, aber davon wollte das moderierende Mitglied des IC nichts wissen – schade um die zehn Minuten, in denen ich die Rede zusammengeschrieben habe, aber dafür gab es ein Buffet. (Mittlerweile habe ich auch meine eigene kleine Theorie, warum mich eben jenes Mitglied des IC vom Mikrofon ferngehalten hat – und wie in jeder guten amerikanischen Verschwörungstheorie spielt Israel eine zentrale Rolle. Im Endeffekt geht es wohl um die Weigerung der europäischen Grünen, und insbesondere der deutschen Grünen, das Verhalten der israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern zu thematisieren – in der GPUS ist von einer neuen Apartheid die Rede und von Boykottforderungen. Ich gebe zu, kein einfaches Thema in Deutschland.) Außerdem soll ich euch ausrichten, dass die USA kein freies Land sind und der CIA hinter dem 11. September steckt. Spontan wurde noch aus einer Schnapslaune heraus eine Videobotschaft an Ingrid Betancourt aufgenommen, mit ekstatisch johlenden Grünen im Hintergrund.

Gut unterhalten habe ich mich dafür mit einem anderen Mitglied des IC, seiner Frau (die fließend Deutsch sprechen konnte und mit der ich mich gut über Erfahrungen des langsamen Zurückziehens aus einer Organisation unterhalten konnte). Und nach einem langen Tag in einer anderen Sprache habe ich darauf verzichtet, nochmal mehrere Meilen mit der Bahn zu fahren, um zu einer Green Party (im anderen Wortsinne) zu gehen – ich war müde und hab mich in mein Hostelbett verzogen. Und wer auch immer die Idee hatte, die Matratzen in Plastik zu wickeln, hat die Tatsache ignoriert, dass zwölf Leute in einem Zimmer auf Plastikmatratzen beim Im-Schlaf-Bewegen machen. Die Klimaanlage ist übrigens auch überfordert – schwitz…

Am Freitag hab ich mir dann eine ganze Reihe Workshops reingezogen. Es begann mit einem Palästina-Workshop, bei dem ich noch mal ganz neue Informationen bekommen habe, die meine eigene Haltung zu dem Thema noch mal beeinflußt haben (und dass eine Lösung her muss, am besten eine Ein-Staat-Lösung, und zwar schnell!). Beim Mittagessen habe ich mir dann eine Grüne aus Nordkalifornien geschnappt, mit der ich mich schon vorher kurz unterhalten habe und deren Kinder (und Enkelkinder) zu einem nicht gerade geringen Teil in Deutschland leben. Ach ja: Der Mossad ist schuld am 11. September.

Nachmittags ging es dann weiter mit einem Workshop über die Lage der Grünen in Südamerika, anwesend war ein Vertreter aus Brasilien, wo die Grünen ziemlich erfolgreich sind und mehrere hundert Parteimitglieder Ämter innehaben, sowie aus Venezuela, wo die Grünen seit einem Jahr existieren und die „bolivarische Revolution“ kritisch begleiten. Hugo Chavez war ohnehin eine der umstrittenen Personen, im Raum waren blühende Verfechterinnen und Verfechter der Revolution und ebenso erbitterte Opposition. Die venezuelanische Vertreterin äußerte sich sehr differenziert zur Lage im Land, und ein Mitglied des IC hat es wohl am besten gesagt: Man kann es nicht schwarz-weiß betrachten… Erschreckend ist die Tatsache, dass in Südamerika gerade ein Wettrüsten stattfindet, das von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommen wird – zumindest, wenn ich mich mal als repräsentativen Teil der Weltöffentlichkeit betrachte (was zugegebenermaßen eine Anmaßung ist.)

Zwischendurch unterhielt ich mich mit einem Professor für Politikwissenschaft von der Ostküste, welcher mir sein Buch schenkte, mit der Bitte um Rückmeldung – wow, das fand ich sehr nett und bin schon gespannt auf die Lektüre.

Im nächsten Workshop ging es um das umstrittene Wahlmänner- und Wahlfrauensystem (liebe Grüße an die Professur für Politische Systeme🙂 ) der Vereinigten Staaten, welches die Grünen eigentlich abschaffen wollen. Kleiner Crashkurs: Der Präsident bzw. die Präsidentin der Vereinigten Staaten wird von einem Komitee gewählt, welches aus Vertreterinnen und Vertretern der Einzelstaaten besteht und in welchem jeder Staat – je nach Bevölkerung – mit mehr oder weniger Personen vertreten ist. Diese Personen sind nicht frei in ihrer Wahl, sondern stimmen geschlossen für die Person, welche im jeweiligen Staat den größten Stimmenanteil bekommt – das nennt sich dann „Winner takes it all“.

Der Referent hat aber ein wesentlich spannenderes und erfolgsversprechenderes Verfahren als eine Abschaffung vorgeschlagen. Im Kern geht es um das Wahlrecht in dreiundreißig Staaten, welche die Winner-takes-it-all-Regel nicht festgeschrieben haben, sondern einfach nur gewohnheitsmäßig so verfahren. Der 14. Verfassungszusatz, nach dem Bürgerkrieg vom Kongress über ein Veto des Präsidenten hinweg beschlossen, scheint aber zu regeln, dass das unter Stimmenentwertung fällt (ich muss das auch noch mal nachlesen, den Teil hab ich nicht ganz verstanden (rein akustisch). Und anscheinend ist es durchaus aus dem Verfassungstext denkbar, dass die Vertreterinnen und Vertreter der Einzelstaaten proportional abstimmen, also nach Stimmenanteil der einzelnen Kandidatinnen und Kandidaten… falls es im Herbst also zu einer großen Verfassungsklage kommen sollte: Das waren die Grünen (wie schon 2004 in Ohio, als den Republikanern Wahlbetrug vorgeworfen wurde und bis heute nicht widerlegt wurde.) Mehr Info dazu gibt’s auf www.electors.us.

Danach habe ich mich ziemlich lange im Shopping-Bereich der Convention bei einigen der Händlerinnen und Händlern verquatscht und konnte mich nur mit Mühe zurückhalten, in einen Shoppingrausch zu verfallen. Etwas verspätet kam ich dann zum Workshop für das bedingungslose Grundeinkommen – eine Idee, die in den USA unter anderem von Martin Luther King jr. vorgeschlagen wurde… und auch schon offizielle Linie der Grünen hier ist.

Nach einigen anregenden Gesprächen habe ich mich dann auf den Weg in den Park gemacht, und mich dort mit Chicago versöhnt, als dort ein kostenloses Klassikkonzert gegeben wurde. Ich bin zwar kein ausgemachter Tschaikovsky-Fan, aber diese halbe Stunde in sommerlich-warmer Abendluft auf dem Rasen war dann doch genau das richtige, um mal abzuschalten. Anschließend habe ich den Rest des Parks erkundet – viel Mühe und einige interessante Installationen (der Videobrunnen, das Silberei, die Schlangenbrücke) – und Chicago hat definitiv schöne Seiten, und wäre ich vorher nicht in einer schöneren Stadt gewesen (San Francisco) und in einem schöneren Land (zwischen San Francisco und Chicago), wäre ich vermutlich begeistert von der Stadt. Aber das ist auch wirklich eine unfaire Konkurrenz… Armes Chicago.

Samstag war dann also die große, medientaugliche Convention in der Symphonie am Park. Spätestens jetzt war offensichtlich, dass die angekündigten eintausend Grünen wohl nicht mehr auftauchen würden, wir waren vielleicht 400-500 Leute. Zum Glück haben die Kameras nur den vorderen Teil des Auditoriums eingefangen, und da war die Stimmung exzellent. Am Morgen gab es politische Reden über Drogenpolitik, Frieden und Grüngrüngrün. Zwischendrin gab es eine Abstimmung über ein Update des Parteiprogramms, welches 43 Seiten stark ist – und wegen zwei vergleichsweise kleinen Punkten abgelehnt wurde, in meinen Augen auch beides Missverständnisse. Zum Einen ging es darum, dass Nicht-US-Bürger in den USA arbeiten können sollen – im Programm mit dem Begriff Guestworkers Program bezeichnet. Dummerweise ist der Begriff verbunden mit Erinnerungen an gleichnamige Programme, in denen Ausländerinnen und Ausländer ausgebeutet wurden und schlecht bezahlt mit minimalen Rechten arbeiteten, weil Arbeitslosigkeit der sofortigen Abschiebung gleich kam. Das will natürlich niemand bei den Grünen, aber das stand ja auch nicht im Parteiprogramm – im Gegenteil, im nächsten Absatz werden starke Arbeitnehmerrechte gefordert. Aber der Begriff war einfach zu aufgeladen, und die Debatte emotional. (Was heißt Debatte – wer sprechen wollte, musste sich vorher registrieren, die Liste wurde abgearbeitet, das Komitee hat Stellung bezogen, und dann wurde abgestimmt.)

Der zweite Punkt war, dass sich die Grünen für eine Nahost-Lösung als Ein-Staaten-Modell oder Zwei-Staaten-Modell einsetzen, welche zwischen Palästina und Israel gleichberechtigt verhandelt wird und nicht von außen erzwungen wird. Tja, der Erfolg des Workshops vom Vortag war eine große Ablehnung einer Zwei-Staaten-Lösung. Nun gut, das wird dann bei der nächsten Convention verhandelt. Das ist Demokratie🙂 Nachmittags gab es dann die großen Reden der vier Präsidentschaftskandidatinnen und -kandidaten, dort habe ich auch den Titel dieses Eintrags („Putting the Zen back in Citizen“ – derselbe Kandidat hat auch noch während seiner Rede mit dem ganzen Saal gesungen und hat Gartenwegmetaphern gebracht – großartig!) und dann die Wahl (bei der alle 36 anwesenden Staaten bzw. Ausschüsse einzeln ans Mikrofon treten und ihre Stimmen vorlesen. Cynthia McKinney hat gewonnen, und wie das aufgenommen wurde, seht ihr hier: (sorry für die Sprünge in der Tonspur.)

Jetzt chille ich gerade ein bisschen im Hostel, und nachher wird noch kräftig gefeiert!

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