Chicago

… schockt.

Nach 53 Stunden Zugfahrt und zwei Stunden Zeitverschiebung bin ich in Chicago angekommen, und der Kontrast könnte kaum größer sein. Zwei Tage lang bin ich durch einige der schönsten Landschaften der Vereinigten Staaten gefahren – von der ziemlich hässlichen kalifornischen Stadtlandschaft entlang der Küste ging es langsam hinauf in die Sierra Nevada, eine beeindruckende, bewaldete Berglandschaft, welche lediglich durch die rauchtrübe Luft der Waldbrände im Westen geschmälert wurde. Auf dem Weg nach Westen haben wir irgendwann Kalifornien verlassen und kamen in die Hochebene von Nevada und Utah, wo sich Wüste und Salzseen abwechselten. Ich habe Utah schon mal als „Den Fleck, den Gott vergessen hat“ beschrieben, als ich hunderte von Meilen braungrauer Landschaft mit dem Auto durchfahren habe. Nun, ich habe Utah unrecht getan, denn in der Tat gibt es sogar in Utah schöne Flecken und beeindruckende Aussichten (was nichts an der Tatsache ändert, dass die Aussicht nicht selten aus braugrauner Wüste besteht). Nach Utah kam Colorado, wo sich die Zugstrecke zwischen den Rocky Mountains hindurchschlängelt und nicht nur mich stundenlang von meinem Buch aufschauen ließ (ich habe ganze zehn Seiten an einem Tag gelesen und den Rest der Zeit in der Lounge verbracht…) der spektakuläre Abstieg von den Rocky Mountains in die Great Plains war dann auch das letzte Highlight. Idaho, Iowa und Illinois beeindruckten nur gelegentlich durch besonders schöne Felder oder Wälder. Etwas gedrückte Stimmung herrschte gegen Ende der Strecke, als wir den Missisippi überquerten und mehrere Dörfer immer noch unter Wasser standen, während andere Dörfer menschenverlassen und schlammverschmiert waren – und vermutlich einfach zurückgelassen werden.

Zugreisen in Amerika ist schon ne feine Sache: Selbst in der billigsten Wagenklasse genießt man mehr Beinfreiheit als in der 1. Klasse eines ICE, die Lehnen lassen sich zurückklappen, ohne der Hinterperson das Essen über die Beine zu kippen oder die Lehne ins Gesicht zu rammen, und es gibt gepolsterte Fußstützen wie in einem Fernsehsessel. Überraschend gut hat also auch das Schlafen geklappt (v.a., wenn man sich einen freien Doppelsitz geschnappt hat🙂 ), aber das Beste an der Reise waren – neben der wahnsinnig tollen Landschaft, die sich über hunderte Meilen am Truckee River und am Colorado River entlangschlängelt – die Mitreisenden, mit denen man im Panoramawagen in bequemen Loungestühlen rumgammeln konnte. Am ersten Abend entwickelte sich spontan eine Drehbuchidee für einen zugbasierten Kifferfilm, am nächsten Tag gaben sich politische Diskussionen die Hand, und immer wieder schalteten sich neue Menschen in Gespräche ein oder konnte man sich selbst in die Gespräche einklinken. Insbesondere unter den Reisenden, die die gesamte Strecke von Emeryville bis Chicago an Bord waren, stellte sich ein gewisses Familiengefühl ein. Das Essen im Speisewagen war deutlich besser als die deutschen Speiseangebote auf Langstrecken (und dabei noch billiger, was aber v.a. am Dollarkurs liegen dürfte), und man gewinnt einen ganz neuen Eindruck von den Vereinigten Staaten, wenn man mit all diesen verschiedenen Menschen zusammenkommt und dieses Land in seiner unglaublichen Größe kennenlernt.

Was nichts daran ändert, dass der Zug eine verdammte Schnecke ist und Höchstgeschwindigkeiten von 80 Meilen pro Stunde – etwa 130 km/h – rausgefahren hat. Insbesondere auf den schnurgeraden Strecken im Mittleren Westen, die immerhin fast die Hälfte der 2.438 Meilen / 3.923 km langen Strecke ausmachen, wäre ich sehr froh um einen Zug wie den ICE oder den TGV mit ihren 300 km/h gewesen… nun gut. Man kann nicht immer alles haben…

Und was erwartet den müden Reisenden am Ende dieser zwei Tage Naturinjektion? Chicago, selbsternannte „Stadt im Garten“, die in der Innenstadt trotzdem aus Hochhausschluchten und dem üblichen Chaos einer Millionenmetropole besteht. Das Hostel ist zwar nur zwei Blocks vom Seeufer entfernt, aber der Park am Seeufer versprüht den Charme von Disneyland – alles ist maniküriert, hochpoliert, glatt und fühlt sich nicht nach Natur an. Da sind mir die etwas wilderen Parks in San Francisco schon lieber, aber vielleicht schiebe ich nur gerade einen Stadtkoller. Nachdem ich im Hostel eine Person aus meinem Bett verscheucht habe und eine andere Person aus meinem Schließfach, kam ich mir ein bisschen wie einer der drei Bären aus dem Märchen vor…

Ja, und wo tagt die Grüne Partei der Vereinigten Staaten? Im siebten Stock des Palmer House Hilton, mitten in der Innenstadt, beleuchtet von Neonsonne und umgeben von… nun, einem Hotel eben. Nicht sehr schön, aber das machen die sehr freundlichen und lustigen Grünen mehr als wett – mit den Leuten kann man Spaß haben und sich sehr gut unterhalten! Und ebendahin gehe ich jetzt wieder.

(Fotos gibts demnächst, wenn ich mich durch 200 Bilder von der Fahrt durchgewühlt habe…)

An dieser Stelle auch ein fettes „Herzlichen Glückwunsch“ an den diplomierendsten Mitbewohner der Welt, der in ein paar Stunden seine Diplomarbeit einreichen wird und deren früheren Entwürfe mir sehr gut gefallen haben… Stark!

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