Der Wahnsinn des 3. Juni

3. Juni 2008, ein weiterer Superwahltag für Amerika. Die Tatsache, dass Barack Obama jetzt aller Wahrscheinlichkeit Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei wird, hat hier in der Stadt nur am Rande interessiert, dafür standen zu viele wichtige Entscheidungen vor der eigenen Haustür an (die Ergebnisse gibt es hier).

Für mich begann der Wahltag früh am Morgen im Freiwilligentreff. Hier bekam ich, zusammen mit einem guten Dutzend weiterer Volunteers, eine Einweisung in die Aufgabe des heutigen Tages: Poll Checking und Voter Activation. Poll Checking hieß, die Arbeit der Wahlhelferinnen und -helfer zu überprüfen (da Wahlbetrug in San Francisco anscheinend schon mal vorgekommen ist – mir wurde von Wahlurnen erzählt, die nach der letzten Bürgermeisterwahl in der Bucht schwimmend wieder aufgetaucht sind. Kann aber auch sein, dass da die „urban myth“-Fraktion am Werk war.) Voter Activation hieß: Klinkenputzen. An allen Haustüren auf unserer klugen Liste klingeln. Auf die kluge Liste kamen Wählerinnen und Wähler, die für eine der Parteien aus dem „Progressiven Block“ (also Demokraten, Grüne, Liberale) oder ohne feste Parteibindung registriert sind UND die bei einer der letzten Wahlen nicht wählen waren. Zusammen mit Mark von der SF Tenants Union (quasi dem Mieterbundäquivalent) hatten wir die vier Blocks zwischen der 23. und der 25. Straße bzw. der South Van Ness Avenue und der Prescott Avenue, auf den Listen tummelten sich etwa 550 Namen. Wir wurden schon gewarnt, dass das eine der härteren Gegenden werden würde, und das sollte sich auch bei dieser Wahl bestätigen.

Warum der Bezirk 3912 hart war:

1. Der Wahlleiter führte unvollständige Listen. Eigentlich ist jedes Wahllokal zur Führung von drei Listen verpflichtet. Zum Einen das eigentliche Wählerverzeichnis, in welchem jeder Wähler und jede Wählerin unterschreiben muss. Dass das der Fall war, will ich nicht bestreiten. Zusätzlich müssen jedoch noch zwei Listen geführt werden, die „desk copy“ und die „door copy“, auf welchen ebenfalls markiert werden muss, wer bereits wählen war. Im Laufe des Tages stellte sich raus, dass weder desk copy noch door copy vollständig waren.  Blöd für uns, denn so standen wir ein paar Mal vor Leuten, die bereits wählen waren, und die die Wahlleitung verschusselt hat. Von der Statistik ganz zu schweigen – schließlich wollten wir wissen, wie viele der Wechselwählerinnen und -wähler wir erreichen konnten. (Auf meine Frage, warum wir eigentlich sehen dürfen, wer schon wählen war und ob das nicht gegen das Recht auf freie und geheime Wahl verstößt, habe ich übrigens keine richtige Antwort bekommen. Gibt es so ein Recht überhaupt in den USA, oder beschränkt sich das nur auf die eigentliche Wahlkabine? Im Prinzip waren wir ja wirklich auf Stimmenjagd…)

2. Fremden wird hier nicht die Tür aufgemacht. Wir waren im Herz des Mission District, einem Stadtteil, der gerade seine Vergangenheit als sozialer Brennpunkt ablegt, aber eben noch nicht ganz abgelegt hat. Die Menschen hier sind gerne mal etwas misstrauischer als in anderen Stadtteilen. Insbesondere in der Mission Street standen wir oft vor verschlossenen Türen, hinter denen sich Menschen bewegt haben – bis zu ihrem Türspion und dann nicht weiter. Fairerweise muss man sagen: In anderen Straßenzügen, etwa Prescott oder S. Van Ness, waren die Leute deutlich offener – aber dort saß unsere Zielgruppe nicht so geballt wie in der Mission oder in der 24. Straße. War schon etwas frustig, auf einem Straßenzug mit 400 Hausnummern mit genau 9 Bewohnern ins Gespräch zu kommen.

3. Wir sind hier nicht alleine. Tja, leider waren auch viele Leute von der „Gegenseite“ unterwegs – in diesem Fall die Pro-G-Gruppe, also die Unterstützerinnen und Unterstützer der Lennar Corporation, die das Material ihrer 4-Millionen-Dollar-Kampagne wie blöd unter die Leute gehauen haben und in ihrer Präsenz kaum zu übersehen waren. Man munkelte später am Abend, dass Lennar einfach reihenweise Leute angestellt hat, um für die Prop. G Werbung zu machen. Chris Daly, einer der führenden Köpfe der Progressiven Kräfte in der Stadt, hat später am Abend mal die Rechnung aufgestellt, dass pro abgegebener Stimme für Prop. G 60 Dollar ausgegeben wurden, während die Pro-F-Kampagne auf einen halben Dollar je abgegebener Stimme kam.

Als wir vom Klinkenputzen frustriert waren, haben wir auch Infomaterial an der BART-Station ausgeteilt, was deutlich befriedigender war, da man hier wirklich viele Menschen in kurzer Zeit erreicht hat. Nach 8 Stunden trafen wir dann für eine letzte Zählung im Wahllokal ein, gingen ein letztes Mal die Listen durch, kontrollierten den Ausdruck der Wahlmaschine (gewählt wurde zwar auf Papier, die Auswertung geschah jedoch durch einen Wahlcomputer – ja, da hatte ich auch ein komisches Bauchgefühl. Ich trau den Dingern nicht) und nahmen die Ergebnisse mit zurück ins Freiwilligenzentrum, wo sich nach und nach Erleichterung breit machte: Die Prop. 98 wurde anscheinend abgelehnt (eine Tendenz, die sich bestätigen sollte). Die Propositions, die mir ans Herz gewachsen sind (A und F), schnitten unterschiedlich ab: Prop. A hat sich durchgesetzt, Prop. F leider nicht. Damit kann sich nun die Lennar Corp. eins der letzten zur Entwicklung stehenden Gebiete San Franciscos unter den Nagel reißen – und da die Formulierungen in Prop. F ziemlich butterweich sind, müssen sie sich nicht um die Interessen der dortigen Bevölkerung scheren, welche zwar viel versprochen bekommen hat, jedoch nichts Schriftliches in der Hand hält. Tja.

Was mich wirklich überrascht hat, war die Wahlbeteiligung: Knapp 28% der Stadtbevölkerung haben den Weg zu den Wahllokalen gefunden – oder andersherum: 72% der Leute hat sich nicht genug dafür begeistern können, zur Wahl zu gehen. Dies heißt auch, dass 15% der Stadt genug waren, um Entscheidungen für die ganze Stadt zu treffen. Einerseits ist es natürlich gutes Recht in einer Demokratie, nicht wählen zu gehen, andererseits ist es halt wirklich schade, dass sich nur so wenige Menschen dafür interessieren, ihre Stadt mitzugestalten…

Nach der Auswertung der letzten Rückmeldungen ging es dann ins El Rio, um den Sieg zu feiern. Nette Kneipe (und es ist wirklich mein erster Kneipenbesuch in der Stadt…), und am Mischpult der etwas verloren wirkenden Akustikgitarren-Songwriter-Gruppe, die sich am Mikrofon gegenseitig abwechselten und – naja, ziemlich durchschnittlich waren, stand überraschenderweise mein Mitbewohner Arlen. Anscheinend bin ich hier doch in einem etwas größeren Dorf gelandet… Mit Mark, mit dem ich mich den ganzen Tag über Politik unterhalten habe, habe ich dann noch diverse Diskussionen über Europa und die USA zu Ende geführt und die Stimmung genossen, die auf der Party herrschte. Ein Highlight: Die Unterschriftensammlung „zu Ehren“ von Präsident Bush… Nach einem Gespräch mit einer Spanierin bin ich dann aber heim, war ja auch schon spät, und heute habe ich einen harten Tag mit Onlinerecherchen vor mir, da heute keine öffentliche Sitzung im Rathaus stattfindet. Gut für euch, denn dann wird der nächste Eintrag vermutlich deutlich kürzer…

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