Der erste Tag

Am Tag vor der Abreise hatte ich noch einen KJG-Termin am Untermain. Der Plan war, um kurz nach 12 ganz entspannt mit dem zug dort hin zu fahren.

Um halb elf faellt mir auf, dass mein Geldbeutel weg ist. Das waere ja eigentlich halb so wild, wenn darin nicht meine Kreditkarte liegen wuerde, auf welcher wiederum der Grossteil meines Reisebudgets liegt – inklusive der ersten zwei Monatsmieten, welche ich als Vorkasse leisten muss. Umfangreiche Untersuchungen von Gepaeck (ja, alles noch mal raus) und Wohnung meiner Eltern blieben erfolglos. Mein Zug war schon weg, woraufhin Plan B in Kraft getreten ist: Ersatz organisieren. Ein nettes Gespraech mit meinem Kreditinstitut hatte immerhin zum Ergebnis, dass meine aktuelle Kreditkarte gesperrt wurde und mir eine neue Karte nach San Francisco nachgeschickt wird. Bin ja mal gespannt, ob das klappt…

Danach wurde mir wieder klar, dass ich den besten Vater der Welt habe, der ohne zu zoegern mit mir die zwei Monatsmieten in Reiseschecks organisiert hat und mich dann noch 180 km bis zu meinem Termin gefahren hat, der dann auch wirklich noch sehr, sehr schoen gewesen ist (und bei dem ich schon gemerkt habe, dass mir in D viele wirklich schoene Treffen entgehen werden).

Abends hab ich dann auch noch erfahren, dass der Geldbeutel wieder aufgetaucht ist – viel Laerm um nichts, aber das war dann auch schon egal.

Am naechsten Morgen ging das dann auch alles ziemlich schnell mit Aufstehen, ein letztes mal „deutsch“ fruehstuecken, und dann sass ich auch schon im Zug zum Frankfurter Flughafen. Dank superschnellem Check-In bei United Airways und ziemlich viel Pufferzeit (man weiss ja nie bei USA-Fluegen…) konnte ich dann sehr entspannt auf den Abflug warten. Im Flieger selbst war der Stuhl zwar sehr bequem, ich konnte sogar meine Beine unter den Sitz des Vordermanns ausstrecken, aber schlafen konnte man da beim besten Willen nicht. Die Bildqualitaet der vier Filme, die den Flug versuessen sollten, war eher bescheiden, darum habe ich mich dann auch lieber durch meine Reiselektuere gefressen. Sehr fein, aber nach gut 11 Stunden hats dann auch wieder gereicht, insofern war ich sehr froh, dass wir ne halbe Stunde frueher als geplant in SF landen konnten. Unterwegs hab ich mir Island angeschaut (sieht sehr nett aus von oben) und festgestellt, dass Kanada zum groessten Teil einfach nur leer steht. Irgendwo war mir das schon klar, aber wenn man dem Verlauf der einzigen Strasse eine halbe Stunde lang von oben folgt und dabei genau eine menschliche Siedlung mit etwa 30 Haeusern sieht, kriegt dieses riesige Land ein ganz neues Gesicht.

Egal. Nach Anflug ueber die Stadt und einer butterweichen Landung kommt die Passkontrolle. Ich erinnerte mich noch gut an meine Ankunft in New York 2005: Aus dem Flugzeug ging es direkt in einen langen, grauen und relativ engen Gang, mit Kameras in der Decke. Am Ende des Gangs dann lange Warteschlangen an den Kontrollschaltern – da fuehlt man sich doch gleich willkommen, auch wenn es bei der eigentlichen Kontrolle keine Schwierigkeiten gab. Voellig anders dagegen San Francisco: Aus dem Flieger ausgestiegen betritt man einen hellen, bunt angemalten und sehr grossen Gang mit grossen Wandbildern, hellen Farben – war schon gut. Gut, die Wartezeit am Kontrollschalter war zu erwarten. Bei der Passkontrolle dann die ueblichen Fragen, Grund der Reise etc. – aber anscheinend ist es wirklich unueblich, dass jemand das Touristenvisum voll ausreizt, und so wurde ich nicht zum Ausgang geschickt, sondern zur Zweitueberpruefung. Ich wurde etwas nervoes, denn netterweise unterschreibt man beim Ausfuellen des Einreiseformulars, dass man gegen die Entscheidung des diensthabenden Grenzschutzbeamten auf alle Rechtsmittel verzichtet und die Entscheidung akzeptieren muss – haette also auch Heimflug bedeuten koennen. Allerdings wurde ich nur etwas nervoes, denn meine Reiseplaene sind vielleicht unueblich, aber ganz sicher nicht illegal (das waere es nur, wenn ich fuer mein Praktikum Geld bekommen wuerde oder Arbeitsplaetze gefaehrden wuerde). In der Zweitkontrolle wurde anscheinend noch mal ein gruendlicher Backgroundcheck durchgefuehrt, ich wurde zu Details meiner letzten Amerikareise befragt, wie ich mich finanzieren wuerde, und was genau ich hier eigentlich mache, wo ich genau wohne (obwohl ich die Frage bereits auf 3 verschiedenen Formularen beantwortet habe…) – nun ja, ein nettes Gespraech von etwa 10 Minuten spaeter war der Grenzbeamte dann aber doch zufrieden mit meinen Antworten und hat mich einreisen lassen. Innere Uhr: Mitternacht. Zeit, das Gepaeck zu holen (noch eine kleine Sorge, die nicht begruendet war: Trotz vieler gemeiner Schnuere und Schnallen war der Rucksack nicht in den Tiefen der Gepaeckfoerderanlage verschollen.) Ich ueberlegte kurz, ob ich die 30 Dollar fuer ein Taxi aufbringen wollte oder lieber mit BART und MUNI, dem lustigen San-Francisco-Nahverkehrssystem zu meiner neuen Bleibe aufbrechen wollte und entschied mich fuer letzteres, da deutlich guenstiger und vielleicht auch lustiger. Ticket kaufen (anders als in D: Hier schiebt man erst Geld in den Automaten und sucht sich dann sein Fahrziel aus) und in den neuen, sauberen U-Bahn-Wagen des BayAreaRapidTransit steigen. Nach 20 Minuten Fahrt durch den Sueden San Franciscos (schoene Haeuser, Sonnenschein, froehliche Menschen) dann an der Station Glen Park aussteigen. Ein kurzes Telefonat mit Chris, meinem Vermieter, zeigte zwar, dass er nicht im Haus war, aber ich wollte mein Glueck trotzdem probieren – bei 10 Menschen wird schon irgendjemand da sein, und im Gegensatz zur Bamberger WG funktioniert hier angeblich sogar die Klingel.

Vor der Station Glen Park herrschte das Feierabendverkehrschaos, und so kam der Bus reichlich spaet – dafuer wollte der Busfahrer mir kein Ticket verkaufen, sondern hat mich einfach reingewunken. Sehr schoen!

An meiner Haltestelle angekommen, musste ich nur noch ueber die Strasse, dann nach ein paar hundert Metern rechts rein, und schon stand ich vor meiner neuen Residenz. Klingeln, ein Maedchen macht auf und hat gar keine Ahnung, dass da ueberhaupt jemand von Deutschland kommen sollte, aber laesst mich trotzdem rein. Das Haus ist abgefahren: Eine alte Lagerhalle, in die jemand komplett wirr Ebenen eingezogen hat (hinter der Tuer geht es linkerhand eine Rampe nach unten zum „Studio G“, der Maedels-WG, rechterhand ins „Studio H“ der Jungs. Da geht es dann ein Treppchen runter, durch den Probenbereich der Band hindurch, dann links ums Eck vorbei an ein paar Sofas, eine richtige Treppe hoch zur Kueche und zum Wohnzimmer, und von da aus dann noch ein Treppchen hoch zu Wohnzimmer und Bad sowie Waschkueche. Und zwischendrin geht es immer mal wieder irgendwo rein, hoch oder runter zu den Zimmern der Jungs (ich hab auch noch nicht alle Schlafzimmer entdeckt, glaube ich…)

Dann ist recht schnell Kelly, einer meiner neuen Mitbewohner, wach geworden, und hat mir erst mal so die grundlegenden Dinge in der Wohnung gezeigt. Nach und nach ist die Kueche voll geworden mit unterschiedlichsten Menschen, die ihren Abend geplant haben – anscheinend hat Mallary, die auch nur zu Besuch da war, am Abend einen Beitrag im Rahmen eines alternativen Kurzfilmfestivals – klar, da gehen wir mit. Die Maedels radeln, ich geh mit Kelly zu Fuss. Kelly verquatscht sich noch ein bisschen mit der nach und nach eintreffenden Band, die fuer Samstag probt (inklusive sinnfreier Diskussionen im Stil von „Hey, I’ll trade you 100 boxes of nails for a shitload of sheet metal – and then I’ll bury it! That’s manly!“), ich hab ja auch keine Ahnung, wo hier was ist, also laufen wir ziemlich verspaetet los, und dann gleich mitten durch den Stadtteil „Mission“. Hier im Sueden ist die Mission noch sehr stark lateinamerikanisch gepraegt: Riesige, wunderschoene Wandbilder (die sogenannten Murals), die Laeden haben ihre Waren zweisprachig angepriesen (und wenn einsprachig, dann spanisch), und ein sehr angenehmes Klima auf der Strasse. Viel zu spaet kommen wir ins ATA, an dem ich beinahe vorbeigelaufen waere, da es von aussen einfach nur eine bunt besprayte Tuer ist, und davon gibts ja hier mehrere. Ein Maedel macht auf und winkt uns rein, kann uns aber nur Bodenplaetze anbieten – kennt man ja noch aus der Uni, das ist schon ok. 6 Dollar spaeter flimmert im Vorfuehrraum (anscheinend eine alte, umgebaute Kapelle) der Film: Eine verschleierte Frau, arabische Musik, die Haende mal mit einem weichen Tuch zusammengebunden, mal offen, ganz viel Fokus auf die Beine, stark gekuenstelte Bewegungen, kein Dialog, viel Interpretationsspielraum fuers Publikum – hallo, alternative Subkultur! Es folgen Dokumentation ueber das St. Valentines Day Homo Massacre (mit Schokolade), das Leben von Blinden an der Uni in SF, aber auch etwas kuenstlerischere Beitraege, darunter auch Mallarys, die die Befruchtung einer Eizelle mit Bildern eines Paerchens mischt, bis hin zu richtig experimentellen Sachen… haette ich vorher gewusst, dass die Veranstaltung „Misapplications and Lost Subjects: A program of Experimental, Horror and Documentary Shorts“ betitelt ist, waere die Ueberraschung vielleicht nicht so gross gewesen🙂

Wie dem auch sei, bei der anschliessenden Kneipentour war ich nicht mehr dabei, da ich bei den letzten Filmen schon leicht muede geworden bin. Taxi gerufen, mit dem Taxifahrer ueber die deutschen Autobahnen geredet (ich hab so das Gefuehl, dass das noch oefter passieren wird), und daheim bin ich dann direkt ueber die Band gestolpert, die biertrinkend auf der „Terrasse“ (ha, wartet auf die Bilder) ueber die Unterschiede zwischen Schwulen und Lesben philosophiert hat und sich anschliessend in bester Musikertradition beim Hoeren der eigenen Aufnahme ueber Dinge unterhalten haben, die ich als unbedarfter Erstkonsument gar nicht gehoert haette. War witzig, aber ich bin dann doch noch vor 12 ins Bett gekommen. (Zwar nicht mein Eigenes, aber das ist ja auch erst ab Sonntag oder so frei. Aber Kelly hat ja zwei grosse Betten in seinem Unterschlupf…

Puh, wenn ich jeden Tag so viel schreibe, wirds hart.

2 Antworten zu “Der erste Tag

  1. Andy, Bamberg

    Hallo Nils,
    wow, ich bin begeistert, so ein langer bericht. Halt uns fei weiter schön brav auf dem laufenden!!
    Lass es dir weiterhin gut gehen, mit bands, lagerhallen und den netten menschen in deiner wg!!

  2. Pingback: Hallo, liebe INFAM-Leserinnen und -Leser! « Wuschel@SF

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